TL;DR auf Deutsch: Lange Rede, kurzer Sinn

TL;DR ist die Abkürzung für „too long; didn’t read“. Wortwörtlich auf Deutsch übersetzt heißt das: „zu lang, hab’s nicht gelesen“. In seiner ursprünglichen Bedeutung war TL;DR eine verbreitete Antwort auf zu ausführlich geratene Foren- oder Newsgroup-Beiträge. Die Botschaft: Dein Text ist zu lang, deshalb habe ich ihn nicht gelesen. Fass dich beim nächsten Mal bitte kürzer.

In Zeiten der Generation YouTube hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. Die Mehrzahl der Internet-User konsumiert Information und Unterhaltung seit einigen Jahren beinahe ausschließlich in GIFs, Infografiken oder Tweets und ist zum Teil nicht willens, zum Teil aber auch gar nicht mehr in der Lage, eine Aufmerksamkeitsspanne zu entwickeln, die über einige Sekunden hinausreichen würde. Das Interesse an einem Thema beschränkt sich daher beinahe zwangsläufig auf die Oberfläche, auf einen Fun Fact oder den vermeintlich repräsentativen Ausschnitt aus dem komplexen Ganzen.

Es ist deshalb nur opportun, längeren Texten eine Zusammenfassung beizufügen. Im englischsprachigen Internet geschieht dies häufig unter Verwendung der vorgenannten Abkürzung. Die neue Bedeutung von TL;DR ist schlichtweg: „Hier ist die Zusammenfassung des eben Gesagten: heruntergebrochen auf zwei Sätze, gnadenlos verkürzt, bar jeder argumentativen Kraft, aber immerhin auf einem Niveau, das du verstehst, und in einer Form, die du verdauen kannst.“

Zum Beispiel auf Reddit kommen längere Beiträge nicht mehr ohne den Nachsatz TL;DR aus. Der prominente Frisurenträger Sascha Lobo, um ein Buzzword bekanntlich nie verlegen, hat diese Praxis für seine Kolumne auf „Spiegel Online“ übernommen:

In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für „too long; didn’t read“.

Um der Kritik an dieser zeitgeistigen Verirrung etwas Substanz zu verleihen, möchte ich abschließend auf eine deutsche Entsprechung der Abkürzung hinweisen. Ausgedacht hat sie sich nicht etwa irgendein PR-Clown aus Berlin-Kreuzberg, sondern der große deutsche Freiheitsdichter Friedrich Schiller. „Was ist der langen Rede kurzer Sinn?“, lässt er im Wallenstein den Kriegsrat von Questenberg dem Chef des Dragonerregiments Butler das Wort abschneiden. In den Formen „Lange Rede, kurzer Sinn“, „der langen Rede kurzer Sinn“ oder „langer Rede kurzer Sinn“ (Genitivkonstruktionen ohne Komma!) ist diese Wendung in den deutschen Sprachschatz eingegangen.

Sie erscheint mir als Überschrift einer Zusammenfassung wesentlich geeigneter als „TL;DR“ – nicht weil sie „deutsch“ ist, sondern weil sie schöner ist. Meinetwegen auch als Abkürzung: LR,KS oder LRKS.

LR,KS: Ich schlage in diesem Artikel vor, die Abkürzung TL;DR („too long, didn’t read“) im Deutschen durch LR,KS („lange Rede, kurzer Sinn“) zu ersetzen.